Jahrestagung 2009
Gesellschaftliche und gesundheitliche Trends der nächsten Jahre – Herausforderungen für die Selbsthilfe
In seinem Eröffnungsvortrag stellte Professor Alf Trojan, Direktor des Hamburger Instituts für Medizin-Soziologie, verschiedene Thesen zu gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Trends und deren Auswirkungen auf die Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung vor.Als Herausforderungen für die Selbsthilfe nannte Trojan die steigende Zahl älterer Bürgerinnen und Bürger, veränderte Familienstrukturen, eine zunehmend multikulturelle Gesellschaft, eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich sowie einen damit einhergehenden Wandel des Krankheitsspektrums mit einer Zunahme etwa von Demenzerkrankungen und psychischen Krankheiten. Unter den Stichworten Entsolidarisierung, Individualisierung, Kommerzialisierung, Rationierung und steigende Eigenbeteiligung beschrieb er danach die negativen Entwicklungen in der Gesundheitspolitik. Demgegenüber seien als positive Trends und Chance für die Selbsthilfe im Gesundheitswesen eine geregelte Qualitätsentwicklung unter Beteiligung der Patienten, der systematische Ausbau von Patientenorientierung und die gesetzlichen Forderungen nach dem Aufbau eines Qualitätsmanagements zu nennen, betonte er. Als Beispiele nannte er Qualitätsberichte für Krankenhäuser, Patientenbefragungen und Beschwerdesysteme.
Als Interessenvertreter der Nutzer der Gesundheitsdienste und „Agenten“ für Qualitätsverbesserungen seien Selbsthilfezusammenschlüsse in diesem Zusammenhang stärker als früher gefragt, so der Medizinsoziologe. Bereits heute seien sie ein Teil der Patientenorientierung in allen Qualitätsmanagementsystemen, arbeiteten in Gremien des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) und beteiligten sich an der Entwicklung Nationaler Leitlinien. Zudem habe die Zusammenarbeit mit Selbsthilfezusammenschlüssen unter anderem Eingang in die Ausbildungen der Gesundheitsberufe und in die Weiterentwicklung des psychiatrischen Versorgungssystems gefunden. Zugleich verwies Trojan auf die Bedeutung der neuen gesetzlichen Regelungen zur Selbsthilfeförderung (§ 20 Absatz 4 SGB V) und unabhängigen Patientenberatung (§ 65 b SGB V). Die gesetzliche Verankerung der Selbsthilfe, ihre Unterstützung und Förderung sowie ihre Mitwirkungsmöglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.
Trojan ging in seinem Referat auf die Ergebnisse des Modellprojektes „Selbsthilfefreundliches Krankenhaus“ sowie auf das beginnende Projekt zu selbsthilfefreundlichen Arztpraxen ein. Für die Selbsthilfe gehe es bei derartigen Kooperationen darum, „Selbsthilfefreundlichkeit“ als Qualitätsmerkmal zu erproben, zu etablieren und nachhaltig in den Qualitätsmanagementsystemen zu verankern sowie sich als Partner bekannt zu machen, sagte er. Die beiden Modelle zeigten, dass nicht nur professionelle, sondern auch nutzerorientierte Standards für Gesundheitsdienstleistungen in die Qualitätsentwicklung einfließen können und müssen. Eine unerwünschte Nebenwirkung könne jedoch eine Überforderung der Selbsthilfe sein, warnte er. Bei einer allzu großen Ausweitung des Kooperationswunsches professioneller Institutionen könne die organisierte Selbsthilfe schnell an die Grenzen ihrer zeitlichen und kräftemäßigen Ressourcen gelangen. Zudem bestehe die Gefahr, dass ein größerer Einfluss von Selbsthilfezusammenschlüssen zu Beeinflussungsversuchen durch Dritte – etwa der Pharmaindustrie – führt.
„Die Herausforderung für die Selbsthilfe besteht darin, die positiven Trends der gesundheitspolitischen Entwicklungen zu nutzen, um die Zusammenarbeit von Selbsthilfezusammenschlüssen und professionellen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung nachhaltig abzusichern“, betonte Trojan abschließend. Auf die Frage „Müssen die Kontaktstellen nun völlig neu erfunden werden?“, lautete seine Antwort: „Nein, aber die alten Aufgaben brauchen neue Akzente und Herangehensweisen.“
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Letzte Änderung: 08.09.2010


